Regionalforum Stuttgart Aufruf
From Noeuconstitution
<- Zurück zur Berichte-Übersicht
Leitfaden: Regionale Foren für ein Europa von unten
(Ateliers de Participation)
Zielgruppe : Multiplikatoren und Initiatoren regionaler Foren
Anlässe
Mit dem NON und NEE der französischen und niederländischen Bürgerinnen und Bürger ist der Ratifizierungsprozess des Europäischen Verfassungsvertrags vorerst gescheitert. Die Diskussion darüber ist aus der medialen Öffentlichkeit verschwunden. Die politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten basteln derweil an Verfahren, die für sie zentralen Inhalte der Verfassung (z. B. Ausweitung der Mehrheitsentscheidungen, Vergrößerung des Stimmengewichtes für die großen Länder, Rüstungsagentur und Schlachtgruppen, grundsätzlicher Vorrang des europäischen vor nationalem Recht) auf anderem Wege doch noch durchzubringen. Hinter dem Stichwort der Vorabimplementation verbirgt sich die rechtswidrige Praxis, auch ohne Rechtsgrundlage Fakten zu schaffen. Obwohl der zur Zeit gültige Nizza-Vertrag die verstärkte Zusammenarbeit auf militärischem Gebiet explizit ausschließt, werden die als internationale Eingreiftruppen u. a. zur Sicherung der Handelswege und Rohstoffversorgung geplanten Battle Groups schon aufgebaut. Ungeachtet der Ablehnung der derzeitigen Richtung von Politik und Willensbildung auf europäischer Ebene durch einen Großteil der Bürgerinnen und Bürger wird mit der Bolkestein-Richtlinie gerade an einer Fortsetzung der totalen Liberalisierungspolitik für den Dienstleistungsbereich gearbeitet. Unsere Minister setzen sich über Entscheidungen des Bundestages hinweg, um über Brüssel auch für uns bindende Entscheidungen zu erwirken. (Bsp. Biometrische Daten in Pässen). Die auch von europäischen Konzernen und Regierungen zu verantwortende Ausplünderung der Länder des Südens verweigert den Menschen dort elementare Menschenrechte und Menschenwürde. Viele suchen durch Flucht ihr Überleben zu sichern. Als Reaktion auf die Migrationsströme werden die europäischen Grenzen geschlossen, Auffanglager in Afrika und Osteuropa geplant, von denen aus die Flüchtlinge wieder zurückgeschickt werden sollen, - es sei denn, sie erweisen sich nach einem Screening als verwertbare, billige Arbeitskräfte für den europäischen Markt.
Idee der regionalen Foren (Ateliers de Participation)
Diese wenigen Beispiele für undemokratische und menschenverachtende Politik sollen zeigen, dass es höchste Zeit ist, dass die Bürgerinnen und Bürger Europas sich zusammentun, um ein menschen-gerechtes Europa von unten aufzubauen. Wir laden alle Interessierten ein, sich an diesem Prozess in regionalen Foren zu beteiligen. Mit der Idee von Versammlungen von unten, ‚ÄúAteliers de Participation‚Äù, dezentral, europaweit, an vielen Orten wollen wir eine erste Etappe auf dem Weg zu einem sozialen, friedlichen und ökologischen Europa zurücklegen.
Skizze unserer Idee:
Es entstehen regionale, selbstverantwortliche Initiativen in ganz Europa
unter breiter Beteiligung der sozialen Bewegungen aus globalisierungskritischen, ökologischen, friedenspolitischen, kirchlichen, Nord-Süd, gewerkschaftlichen, künstlerischen und anderen Zusammenhängen, Jugend- und Campusgruppen.
In einem offenen, hierarchiefreien, längeren Prozess werden
kreative Zukunftsentwürfe für ein anderes Europa von unten entwickelt.
Anzahl und jeweilige Träger der regionalen Ateliers de Participation sind abhängig von der jeweiligen regionalen Situation, Vernetzung und Struktur
Es geht nicht (allein) darum, Forderungen des Volkes an die Obrigkeiten zu richten, sondern die Menschen vor Ort als Verantwortung tragende Subjekte wirksam werden zu lassen.
Region ist der Zusammenhang, in dem Menschen sich leicht beteiligen können oder gewachsene Kommunikationsstrukturen existieren (Verkehrsverbund, Stadt, Dorf, Betrieb, Stadtteil, grenzüberschreitend)
Der Start des Prozesses erfolgt noch in diesem Jahr. (Termine s.u.)
Wie kann die Arbeit in den regionalen Foren ablaufen und strukturiert werden?
Eine Möglichkeit besteht darin, nach der Methode der Zukunftswerkstatt vorzugehen, in der die Kreativität und Problemlösefähigkeiten aller Beteiligten einfließen. Die Arbeit der Zukunftswerkstatt gliedert sich in verschiedene Phasen:
Kritikphase: Hier wird eine Bestandsaufnahme der Gegenwart vorgenommen. Die Kritik aller Teilnehmenden, das Unbehagen, die Probleme - also alles das, was die Gegenwart belastet - wird gesammelt und ergibt in der Zusammenschau ein umfassendes Bild des Ist-Zustandes.
Visionsphase: Hier entwickeln die Teilnehmenden das Bild einer Zukunft, in der sich alle ihre Wünsche erfüllt haben, in der sie so leben und arbeiten, wie es ihnen optimal erscheint. Inhaltlich gibt es keine Vorgaben und Begrenzungen. Es besteht die Chance, sich gedanklich und emotional von den Zwängen und Behinderungen des gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Systems zu lösen. Der Visionsphase zu Grunde liegt die Überzeugung, dass die Ziele, die von einer Organisation, einer Gruppe bzw. einem Team verfolgt werden, dann die meiste Chance auf Umsetzung haben, wenn sie von der Kraft der Wünsche und Visionen der Beteiligten getragen sind.
Handlungsfähig werden: (Realisierungsphase): Sind die Visionen entwickelt - individuell und im Team - werden zentrale Elemente der Visionen identifiziert, um daraus konkrete Ziele für die Arbeit abzuleiten. In dieser Phase geht es darum, eine Verbindung zwischen dem Ist-Zustand und dem gewünschten Zustand, der Vision herzustellen und konkrete Handlungsschritte zu entwickeln. Wie kann man seiner Vision Stück für Stück näher kommen, so lautet die Frage in dieser Phase. Um diese zu beantworten, werden Handlungspläne mit konkreten Umsetzungsschritten erarbeitet.
Um die Diskussionen zu strukturieren schlagen wir vor, entlang verschiedener Themenachsen evtl. arbeitsteilig zu diskutieren: Solche Themenachsen könnten sein:
Demokratische und soziale Rechte und Menschenwürde
Gesellschaftliche Einbindung und Verantwortung von Ökonomie und Technik
Friedenssicherung und Konfliktlösung
Unsere Verantwortung für die Zukunft des Planeten und die Existenzsicherung für seine Menschen
(Wozu) Brauchen wir eine EU?
Wie könnte eine Verfassung aussehen, die den zu bestimmenden Grundwerten menschlichen Zusammenlebens entspricht?
Weitere
Infos zur Methode der Zukunftswerkstatt z. B. unter:
<http://www.zw2003.de/pages/methode.html>
Die
Entwicklung eines europäischen Zukunftsmodells von unten wird zu
zentralen Fragen des Zusammenlebens auf unserem Planeten Position
beziehen:
Die
Ateliers de Participation sind als offener Prozess gedacht. Unsere
Stuttgarter Gruppe geht aufgrund der jahrelangen Auseinandersetzung
mit Globalisierung und EU-Politik mit bestimmten Prämissen in
die Diskussion, die wir hier offenlegen wollen:
Zentrale, zu behandelnde Fragen
Entwickeln wir isoliert ein Modelll
für ein soziales Europa, oder beziehen wir in diese Konzepte
auch die Frage ein, wieweit Europa eine solche Rolle in der Welt
spielt, die zur Überwindung der Ausbeutung der Menschen und
Ressourcen im Süden entscheidend beiträgt?
Die Richtung
der Diskussion über ein weiter reichendes Alternativkonzept
hängt davon ab, wie die jetzige ökonomisch-politische
Situation historisch bewertet wird, ob man also a) das gegenwärtige
gesellschaftlich-ökonomische System für richtig hält
und allenfalls stärker wohlfahrtsstaatlich ergänzen möchte
oder ob man b) grundlegend neue gesellschaftliche Lösungen für
die Probleme der Gegenwart anstrebt.
Sollen die jetzigen
EU-Institutionen beibehalten, gegebenenfalls reformiert werden?
Oder inwieweit sind sie Teil des Problems, für das wir eine
Lösung brauchen? Wollen / brauchen wir einen europäischen
Zentralstaat, bei dem es nur darauf ankäme ihn entsprechend den
nationalen Modellen zu parlamentarisieren? Diese Frage hängt
eng mit der folgenden zusammen:
Soll die
politische Integration der EU dem parlamentarisch-repräsentativen
Prinzip der Nationalstaaten folgen oder hat sich dieses
repräsentative System als unzureichend erwiesen und ist durch
andere Formen der direkten Partizipation der Menschen an ihren
Angelegenheiten zu ergänzen bzw. ‚Äì das kommt auf das
jeweilige gesellschaftliche Sachgebiet an - zu ersetzen? Wie kann
die Grundordnung Europas durch einen 'Verfassungsprozess' von
unten entstehen?
Wollen wir
ein starkes Europa, das politisch-militärische Unabhängigkeit
gegenüber USA und NATO befürwortet oder sich gar als
Gegenweltmacht etablieren will? Oder wollen wir grundsätzlich
gewaltfreie, präventive Methoden der Konfliktlösung
entwickeln und institutionalisieren?
Reichen zur Sicherung des Überlebens auf
dem Planeten ein paar Korrekturen (Handel mit Emissionsrechten,
Genkennzeichnung statt GMO-Verbot, Dieselrußfilter, ...)? Sind
die Szenarien zur Klimakatastrophe und Endlichkeit der Ressourcen
und Vergiftung der Erde übertrieben oder müssen wir uns
der Ökologie als der entscheidenden 'Krisenfrage des
anhebenden Jahrhunderts' zuwenden: >Kann der Mensch seine
Errungenschaften überleben<, vor deren Hintergrund jedes
andere Problem (Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Schröder
oder Merkel) als zweit- und drittrangig behandelt werden muss? (Carl
Amery)
Prämissen der hier einladenden Gruppe
Stuttgart im Oktober 2005

